100 Jahre Frauenwahlrecht – Sonderbriefmarke

HAMELN. „Ich behaupte, je besser die Partie, desto größer ist heute der Drang, in die Ehe zu gehen und sich für die Kinder zuständig zu erklären.“ Mit dieser bewusst provokanten These stieg Christdemokratin Irmgard A. Lohmann in die Diskussionsrunde ein, die die Gleichstellungsbeauftragte Kirsten Wente im Kreishaus anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Frauenwahlrecht“ organisiert hatte.

In der Runde saßen gestandene Frauen aus der heimischen Politik, die dieser These kaum widersprachen, im Gegenteil. Christa Bruns (SPD), langjährige ehrenamtliche Oberbürgermeisterin der Stadt, Jutta Krellmann, Bundestagsabgeordnete der Linken, Ina Loth (FDP), langjährige Vorsitzende der Hamelner Liberalen und Waltraud Brümmer (Grüne), ehemalige stellvertretende Landrätin und stellvertretende Bürgermeisterin von Hessisch Oldendorf, bestätigten den Trend. „Ich habe gedacht, die Generationen nach mir würden revolutionärer“, erklärte Christa Bruns.

Allein Sarah Schneider, junge Sozialdemokratin, Bankerin und eine der wenigen jungen Frauen, die sich auf dem Land politisch betätigt, hielt tapfer dagegen. Waltraut Brümmer, ehemalige stellvertretende Landrätin und Bürgermeisterin, forderte die Quote in Wirtschaft und Politik, damit sich der Trend umkehrt. Anschließend verließ sie die Runde, um das zu tun, was immer weniger Frauen tun: sich aktiv in die Politik einbringen.
Tatsächlich ist die Zahl der Frauen in der Politik rückläufig, insbesondere auf kommunaler Ebene ist das weibliche Geschlecht kaum zu finden, wie Landrat Tjark Bartels bestätigte: „Landrätinnen und Bürgermeisterinnen treffe ich kaum.“

Seit 1918, als das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt wurde, sind die Parlamente und politischen Gremien nicht zur Hälfte mit Frauen besetzt, wie man denken könnte, nur etwa ein Drittel mischt auf Bundesebene mit.

Darin, dass das Frauenwahlrecht nicht automatisch die Gleichberechtigung mit sich gebracht hat und der Kampf noch lange nicht ausgefochten ist, war man sich am Dienstagabend einig. Von den Älteren hatte jede ein Beispiel parat, dass es heute so wohl nicht mehr geben würde. Ina Loth ist dem Arbeitgeber begegnet, der ihr ins Gesicht sagte, dass er sie nicht einstelle, weil sie Kinder bekommen könnte. Christa Bruns sprach von dem mitleidigen Lächeln in männerdominierten politischen Gremien und Irmgard A. Lohmann erzählte, dass sie als Mädchen nicht aufs Gymnasium durfte, obwohl die Noten stimmten.

Leben kam in die Diskussion, als Genrationskonflikte sichtbar wurden. Als Christa Bruns betonte, dass es für sie wichtig gewesen sei, die Erziehung ihrer Kinder nicht aus der Hand zu geben und in dieser Zeit zuhause zu bleiben, während der Mann arbeitet, hielt Sarah Schneider dagegen: Sie gehöre zu den Frauen, die beides wollen, Karriere und Kinder. „Meine Eltern haben es mir vorgelebt“, sagt sie.

Dass es schwierig wird, wenn Kinder dazu kommen, sieht allerdings auch sie: Männer die Teilzeit arbeiten sind noch die Ausnahme. Sie spricht von Häme am Arbeitsplatz, die Männer erfahren, wenn sie in Elternzeit gehen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen, um Teilzeit zu arbeiten und nach dieser Zeit wieder voll einsteigen zu können, seien die praktische Grundlage, um Gleichberechtigung weiter voranzutreiben, betonte sie. Unterstützung bekam sie von der ehemaligen Gewerkschafterin Jutta Krellmann, die anfügte, dass Frauen in der ersten Reihe auch helfen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Irmgard Lohmann appelliert an die Frauen, sich nicht in die sozialen Hängematte auszuruhen und Verantwortung zu übernehmen. Das Schlusswort hatte Anne Brit Gäbel, die sich unter anderem wünschte, dass es den Frauentag und den Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, nicht mehr gibt, „weil er nicht mehr nötig ist.“

Dass Frauen an dieser Entwicklung aktiv mitwirken können und sollen, trägt derweil eine Briefmarke mit dem Motto „Wir haben die Wahl“ in die Welt. Die Idee, damit zum Jubiläum ein Zeichen zu setzen, stammt vom Arbeitskreis der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises. Insgesamt 3000 Marken wurden bei der Citipost von den Kommunen angefordert, zusätzlich gibt es Freistempel mit dem Slogan.

Bild von links nach rechts: Maren Leweke (Gleichstellungsbeauftragte Flecken Coppenbrügge), Stephanie Wagener (Gb der Stadt Hessisch Oldendorf), Sina Bruns (Gb Stadt Bad Münder), Beate Kimpel-Groppe (Gb Flecken Aerzen) und Kirsten Wente (Gb Landkreis Hameln-Pyrmont). Übergabe der Sonder- Briefmarke zu 100 Jahre Frauenwahlrecht (1918 – 2018) durch Frau Iris Dalhoefer (Citipost) an den Arbeitskreis der Gleichstellungsbeauftragten im Landkreis Hameln-Pyrmont am 13.11.2018 im Foyer des Kreishauses in Hameln.

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